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Care-Reserve Großeltern: Nichts geht ohne Oma und Opa

Autorin: Dr. Gina Fuhrich

Großeltern haben in der heutigen Bundesrepublik eine zentrale Bedeutung für die Betreuung sowie Versorgung ihrer Enkelkinder. Doch Großelternschaft als elementare Sorgebeziehung stellt ein relativ neues Phänomen in den westeuropäischen Gesellschaften dar. Erst ab den 1950er Jahren stieg der Anteil von Älteren in der Bevölkerung infolge einer höheren Lebenserwartung an und wurde zum Grundstein für die neue Form der Großeltern-Enkelkind-Beziehung. [1] In Kombination mit einem sinkenden Heiratsalter und früherer Familienplanung vergrößerte sich die Zahl der potenziellen Großeltern signifikant. [2]  

Das gegenseitige Erleben von Großeltern und Enkelkindern war ab den 1950er Jahren in Mittel- und Westeuropa eher die Regel und der Startschuss für einen grundlegenden Wandel dieser Sorgebeziehung. Trotz der immensen Bedeutung der Großeltern wurde diese Sorgebeziehung bisher in der Geschichtswissenschaft kaum erforscht. Ein Grund dafür könnte die schwierige Quellenlage sein: Nur wenige Quellen dokumentieren die Sorgebeziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern oder die Selbstwahrnehmung von Großeltern. Der Beitrag möchte daher eine Quelle exemplarisch herausgreifen und darlegen, wie anhand dieser Quelle großelterliche Sorgebeziehungen sichtbar werden. Warum und wie sorgten Großeltern für ihre Enkelkinder? 

Das Quellenbeispiel ist ein Oral-History Interview mit zwei Großeltern über die Betreuung ihrer jungen Enkelin Anfang der 1990er Jahre. Es entstand im Rahmen eines Dissertationsprojektes zur Kinderbetreuung im Rhein-Neckar-Kreis zwischen 1960 und 1990 von Kathrin Kiefer an der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Heidelberg. Die Großeltern wurden gemeinsam zu ihren Sorgetätigkeiten für ihre Enkelin befragt, woraufhin die Großmutter schilderte:  

 „[…] unsere Tochter ist Zahnarzthelferin […] Und die arbeitet im Schichtbetrieb. […] sie fängt morgens um sieben bis 15 Uhr und wenn sie Spätdienst hat, fängt sie um zwölf Uhr an, arbeitet bis 20 Uhr. […] diesen Dienst deckt keine Kita, keine Tagesmutter, nichts ab. So, unser Schwiegersohn arbeitet bei Benz auch im Dreischichtsystem, also, Nachtdienst, Frühdienst, Mittelschicht. […] bei dieser Art, wie unsere Tochter arbeitet und unser Schwiegersohn […] ist es nicht möglich, ohne Großeltern zu arbeiten. Unsere Tochter könnte nicht arbeiten gehen, wenn sie uns nicht hätte.“ [3] 

Die Großeltern betreuten ihre Enkelin in den Morgenstunden oder nachmittags bzw. abends bis eines der Elternteile von der Arbeit nach Hause kam. Bis die Enkelin in den Kindergarten kam, waren die Großeltern drei volle Tage jede Woche für sie zuständig und leisteten somit letztlich eine Tagesbetreuung mit allen anfallenden Sorgetätigkeiten. Es wird offenbar, dass die Großeltern für die Enkelin sorgten, damit die Tochter einer beruflichen Tätigkeit nachgehen konnte. Ohne die Übernahme der Sorge durch die Großeltern hätte ein Elternteil zu Hause bleiben müssen – in diesem Fall, wie in vielen anderen Familien auch, die geringer verdienende Mutter. Das Interview verdeutlicht, dass auch in den 1990er Jahren Großeltern für Eltern und die Betreuung der Enkelkinder in vielen Familien unverzichtbar waren, da es nicht ausreichend institutionelle Betreuungsmöglichkeiten gab, damit beide Eltern arbeiten konnten.  

Die beiden Großeltern sorgten gemeinsam für die Enkelin. Allerdings waren sie sich bei der Erziehung der Enkelin oftmals uneinig. Im Interview zeigen sich Sorgekonflikte zwischen den beiden Großeltern: 

Großmutter: „[…] es gibt einfach bestimmte Dinge, die sind mir wichtig. Und essen, ordentlich essen, das gehört für mich dazu. […] Ich finde es wichtig. […] Und mein Mann ist da. Da kann man dann halt mal den Fuß auf den Tisch legen oder so.“ 

Großvater: „Ich habe da eine andere Philosophie. […] Wenn die [Enkelin] kam, dann kam sie immer zum Opa. Ich sitze so da und dann kam sie zum Opa und hat sich bei mir auf den Schoß gesetzt. Und dann durfte sie […] dann immer mit dem Finger in die Butter rein. Man hat die Butter genommen, hat die Butter gegessen. […] ich bin der Ansicht das erledigt sich von alleine. […] Weil irgendwann ist es banal und dann ist es auch uninteressant. Und dann hat es aufgehört. […] sie muss die Möglichkeit haben auch anders Grenzen kennenzulernen.“ [4] 

Die Großeltern unterschieden sich in ihren Ansichten darüber, wie bei der Erziehung ihrer Enkeltochter Grenzen aufgezeigt und durchgesetzt werden sollten. Während die Großmutter bei der Tischordnung eher konsequent war, plädierte der Großvater eher für eine laissez-fair Taktik.  Das verstärkte Sorgen durch Großeltern zog also auch Aushandlungsprozesse zwischen Großelternteilen nach sich, die zuvor einige Zeit nicht mehr in der Erzieherrolle gewesen waren. 

Die Quelle zeigt einerseits, dass die Sorgetätigkeiten der Großeltern trotz des Ausbaus staatlicher Kleinkindbetreuungsangebote immer noch in vielen Familien unverzichtbar waren. Vor allem ermöglichte die Sorgearbeit der Großeltern oft erst die Berufstätigkeit der Mutter. [5] Ohne diese zusätzliche familiäre Reserve funktionierte der Spagat zwischen Kinderbetreuung und Berufstätigkeit der Eltern in vielen Fällen nicht. Andererseits offenbart sich, dass in diesen engen Sorgebeziehungen auch Konflikte über „das richtige Sorgen“ und den Umgang mit den Kindern geführt wurden. Die Großeltern in der Rolle der Erziehenden standen vor der Herausforderung, Sorgeverhalten auszuhandeln und abzusprechen. Zudem demonstriert das Quellenbeispiel eindrücklich, wie bedeutend die verstärkte geschichtswissenschaftliche Erforschung von Großelternschaft für die Entwicklung und das bessere Verständnis familiärer Sorgebeziehungen in Zusammenhang mit Berufstätigkeit der Eltern ist.   

 

[1] Mahne, Katharina/Klaus, Daniela, Engstler, Heribert: Grandparenthood in Germany: Intimacy at distance or emeritus parents?, in: David Shwalb/ Ziarat Hossain (Hrsg.): Grandparents in cultural context, New York, London 2018, S. 85f. 

[2] Chvojka, Erhard: Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Wien/Köln/Weimar 2003, S. 298. 

[3] Interview mit Sabine und Peter Rademacher, geführt von Kathrin Kiefer am 16.04.2019. 

[4] Ebd.  

[5] Igel, Corinne: Großeltern in Europa. Generationensolidarität im Wohlfahrtsstaat. Wiesbaden 2012, S. 26f. und S. 111f. 

 

 

Dr. Gina Fuhrich ist Post-Doc im Forschungsprojekt „Zeit mit (Groß-)Vätern. Zeitbudgets und Formen männlicher (Groß-)Elternschaft nach dem Boom“ der Gerda Henkel Stiftung. Sie promovierte 2019 zum Thema “Humanisierung oder Rationalisierung? Arbeiter als Akteure im Bundesprogramm Humanisierung des Arbeitslebens bei der VW AG”. 

 

 

 

 


Diesen Artikel zitieren: Gina Fuhrich: Care-Reserve Großeltern: Nichts geht ohne Oma und Opa, in: Zeit mit (Groß-)Vätern. Elternschaft nach dem Boom, https://grossvater.hypotheses.org/721, 03.01.2023, (abgerufen am: Datum).


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
WhoCares-Blog (2. Januar 2023). Care-Reserve Großeltern: Nichts geht ohne Oma und Opa. Who Cares? Abgerufen am 15. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/p7zz


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