Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

Unbegleitete minderjährige „Boatpeople“ zwischen Flucht, Fürsorge und Integration: Eine Projektvorstellung

Autor*innen: Carina Mönkemeyer, Mika Rück, Joey Rauschenberger 

„Eine Flüchtlingstragödie läuft derzeit und seit Monaten schon in den Gewässern und Dschungeln Südostasiens ab, so barbarisch, wie sie die an Elend und Grausamkeit gewöhnte Welt noch niemals erlebt hat.“ [1] Mit diesen eindringlichen Worten beschrieb „Der Spiegel“ im Jahr 1979 die anhaltenden Fluchtbewegungen aus Vietnam. Seit dem Sieg Nordvietnams und der Wiedervereinigung des Landes im Jahr 1975 verließen hunderttausende Menschen ihre Heimat. Grund dafür waren politische Verfolgung, wirtschaftliche Not sowie vielfältige Formen gesellschaftlicher Repression und Diskriminierung [2]. Ein erheblicher Teil der Geflüchteten versuchte, das Land auf dem Seeweg zu verlassen – oftmals unter lebensgefährlichen Bedingungen. Die internationale Berichterstattung prägte hierfür den bis heute gebräuchlichen Begriff der „Boatpeople“. Der Begriff orientiert sich an den ikonischen Bildern überfüllter und häufig in Seenot geratener Flüchtlingsboote, welche versuchten, umliegende Flüchtlingslager in Ländern wie Malaysia, Indonesien, Thailand oder Singapur zu erreichen [3]. 

Nach einer zunächst zurückhaltenden und teilweise ablehnenden Haltung beteiligte sich auch die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen internationaler Absprachen an der Aufnahme vietnamesischer Flüchtlinge [4]. Zwischen 1978 und 1986 wurden insgesamt ca. 40.000 vietnamesische Geflüchtete als sogenannte „humanitäre Flüchtlinge“ aufgenommen [5]. Die Aufnahme erfolgte im Rahmen einer Quotenregelung, die sich an der jeweiligen Aufnahmebereitschaft und -kapazität der Bundesländer orientierte, jedoch nach bisherigem Verständnis auch von einer gewissen Willkür geprägt war [6]. Die Aufnahme der vietnamesischen „Boatpeople“ gilt damit als eines der bedeutendsten humanitären Aufnahmeprogramme in der Geschichte der Bundesrepublik, nachdem frühere Zuwanderung – von der Binnenmigration der deutschen Heimatvertriebenen und Ostflüchtlinge abgesehen – häufig wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Gründe hatte. Die „Boatpeople“ scheinen damit im Zentrum einer Trendumkehr in der westdeutschen Migrationspolitik zu stehen. 

35 vietnamesische Flüchtlinge werden aus einem Fischerboot gerettet, auf dem sie bereits acht Tage auf offener See waren [7].

Gleichwohl blieb ihre Geschichte, obwohl die vietnamesischen Geflüchteten in den zeitgenössischen Medien eine außerordentlich hohe Aufmerksamkeit erfuhren, im Vergleich zu derer von anderen Migrationsgruppen innerhalb der deutschen Migrationsgeschichtsschreibung lange unterrepräsentiert. Erst seit der Mitte der 2010er-Jahre ist ein verstärktes wissenschaftliches Interesse an diesem Themenfeld zu beobachten [8]. Die bislang vorliegenden Studien widmen sich insbesondere den politischen und humanitären Rahmenbedingungen des Aufnahmeprozesses. Für einige Länder liegen erste Forschungen zu den Fluchterfahrungen der Geflüchteten sowie Fragen der gesellschaftlichen Integration aus politik-, sozial- und migrationshistorischer Perspektive vor, für Deutschland ist hier aber eine Leerstelle auszumachen. 

Eine Gruppe blieb dabei bislang beinahe völlig unbeachtet: unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern oder andere Sorgeberechtigte in der Bundesrepublik ankamen, waren nicht nur den Belastungen von Flucht und Migration ausgesetzt, sondern sahen sich zugleich mit den adaptiven Herausforderungen eines ihnen sozial und kulturell fremden Umfelds konfrontiert, ohne sich dabei an erwachsenen Angehörigen orientieren zu können. Ihre Akkulturations- und Integrationsverläufe sind daher von besonderem Interesse. Zugleich schuf die Präsenz unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge für den deutschen Staat ein eigenes Handlungsfeld, auf dem unter dem Einfluss zeitgenössischer Kindheitsvorstellungen von Schutzbedürftigkeit und zukunftsentscheidender Ressource akute Maßnahmen zu ergreifen waren. 

Vor diesem Hintergrund setzt das neue, an der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Heidelberg angesiedelte und von den Autor*innen dieses Beitrags bearbeitete Forschungsprojekt „(All-)Einwanderung: Politische Normierung und kindliche Aneignung von Integration am Beispiel minderjähriger ‚Boatpeople‘ ohne Eltern in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre“ an. Ziel des Projekts ist es, die Aufnahme und Integration vietnamesischer „Boatpeople“ aus einer sozialhistorischen Perspektive zu untersuchen und dabei das Zusammenspiel von Norm und Praxis, Diskurs und Erfahrung zu beleuchten, wozu insbesondere auch die Perspektive unbegleiteter Minderjähriger selbst gehört. Im Fokus steht die Frage, wie staatliche und gesellschaftliche Vorstellungen von „Integration“ institutionell ausgestaltet wurden, wie diese im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe umgesetzt wurden und in welcher Weise die betroffenen Kinder und Jugendlichen diese Vorgaben wahrnahmen, interpretierten und sich aneigneten [9]. 

Im Zentrum des Projekts stehen erstmals unbegleitete minderjährige vietnamesische „Boatpeople“ als eigenständiger Forschungsgegenstand. Ausgehend von der Annahme, dass das Fehlen familialer Bezugspersonen Aufnahme-, Fürsorge- und Integrationsprozesse maßgeblich prägte, untersucht das Projekt, welche Bedeutung familiale Strukturen für das Ankommen, die gesellschaftliche Teilhabe und die kindliche Aneignung von Integration besaßen. Wie sich diese Zusammenhänge konkret ausnahmen und welche Handlungsspielräume die betroffenen Kinder entwickelten, ist bislang ungeklärt und bildet den Kern der empirischen Untersuchung. 

Eine Gruppe vietnamesischer Flüchtlinge in den Niederlanden [10].

Zur Untersuchung dieser Fragestellungen gliedert sich das Vorhaben in zwei komplementäre Teilprojekte: Teilprojekt 1 „Unbegleitete minderjährige ‚Boatpeople‘ als Gegenstand staatlicher Migrations- und Integrationspolitik in der Bundesrepublik“ untersucht die Aufnahme unbegleiteter minderjähriger „Boatpeople“ in der Bundesrepublik aus politik-, rechts- und verwaltungshistorischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen die politischen, rechtlichen und administrativen Rahmenbedingungen ihrer Aufnahme sowie die Zusammenarbeit staatlicher, internationaler und zivilgesellschaftlicher Akteure bei Evakuierung, Unterbringung und Betreuung. 

Darauf aufbauend analysiert das Teilprojekt, wie unbegleitete minderjährige Geflüchtete in politischen und juristischen Diskursen als schutzbedürftige, zugleich aber migrationspolitisch relevante Gruppe konstruiert wurden. Anhand parlamentarischer Debatten, ministerieller Akten und Verwaltungsquellen wird untersucht, wie Vorstellungen von Kindheit, Humanität und Integration politische Entscheidungen und institutionelle Praktiken prägten. Ergänzend wird die bislang kaum erforschte Geschichte internationaler Adoptionen vietnamesischer Kinder in der Bundesrepublik in den Blick genommen. 

Durch die Verbindung politik-, rechts- und verwaltungshistorischer Ansätze leistet das Teilprojekt einen Beitrag zum Verständnis der historischen Entwicklung staatlicher Flüchtlings- und Integrationspolitik sowie der politischen Konstruktion von Kindheit im Kontext erzwungener Migration. 

Teilprojekt 2 „Jenseits des ‚Musterbeispiels‘. Die Integration unbegleiteter minderjähriger ‚Boatpeople‘ in Deutschland ‚von unten‘“ setzt sich primär mit der gesellschaftlichen Perspektive sowie der Sichtweise der betroffenen Kinder auseinander. Zentrale Betrachtungspunkte stellen Quellen aus (Massen-)Medien dar, welche Einblicke in die Diskurse zu Integration und Wahrnehmung der unbegleiteten Kinder geben. Um sich der gesellschaftlichen Perspektive auf unbegleitete „Boatpeople“-Kinder anzunähern, sind kreative Wege der Quellenerschließung gefragt: Neben Zeitungen und Zeitschriften sollen auch abstraktere Quellengattungen wie bspw. Brettspiele betrachtet werden. 

Für die Perspektive von Einzelpersonen werden wiederum andere Quellen benötigt. Besonders sind dabei Zeitzeugeninterviews zu nennen, welche sowohl mit den damals unbegleiteten Kindern, als auch mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft geführt werden sollen. Aufgrund der zu diesen Fragestellungen besonders dünnen Forschungslage wird dieses Teilprojekt zunächst darauf fokussiert sein, neue Quellen ausfindig zu machen und Zugänge anzubieten, wie aus ihnen Erkenntnisse zu gewinnen sind. Im zweiten Teilprojekt stehen daher stets auch methodische Reflexionen zum Umgang mit diversen Medienquellen im Mittelpunkt, die über den konkreten Gegenstand der Integration unbegleiteter Minderjährige hinausweisen. 

Das Gesamtprojekt wird von der Stiftung Bildung und Wissenschaft gefördert und hat eine Laufzeit von 2026 bis 2029. Während dieser Zeit werden die Projektbeteiligten regelmäßig auf diesem Blog über neue Entwicklungen und besonders faszinierende Forschungsbefunde schreiben. Aktuelle Informationen gibt es stets auf der Webseite der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Über Kontaktaufnahme freuen wir uns, insbesondere bei Interesse an Kooperationen oder Hinweisen auf Quellen oder Zeitzeugen! 


[1] Spiegel Artikel „Die Juden des Ostens – ohne ein Israel“ Archiv 26/1976. 

[2] Vgl. Vo, Nghia M. The Vietnamese boat people, 1954 and 1975-1992. Jefferson, NC: McFarland, 2015.

[3] Tue Tran, Quan. „Responding to and Resettling the Vietnamese Boat People. Perspectives from the United States and West Germany.” In: Refugee Crises, 1945-2000. Political and Societal Responses in International Comparison, herausgegeben von Jan Jansen und Simone Lässig.181-208. Cambridge: University of Cambridge ESOL Examinations, 2020, 181. 

[4] Tue Tran, Quan. „Responding to and Resettling the Vietnamese Boat People. Perspectives from the United States and West Germany”, 184. 

[5] Bösch, Frank und Julia Kleinschmidt. „Gespaltene Community: Integration und Engagement von Vietnames*innen in Deutschland.” Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, aufgerufen am 24. Juli 2026. https://zzf-potsdam.de/sites/default/files/mitarbeiter/muehle/2017_gespaltene_community_mit_julia_kleinschmid.pdf. 

[6] Kleinschmidt, Julia. „Die Aufnahme der ersten “boat people“ in der Bundesrepublik“. In: Deutschland Archiv Online, 26.11.2013, Link: http://www.bpb.de/170611. 

[7] Bild entnommen von: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:35_Vietnamese_boat_people_2.JPEG?uselang=de.

[8] Vgl. Kleinschmidt, Julia. „Die Aufnahme der ersten “boat people“ in der Bundesrepublik“; Beuchling, Olaf. „Vietnamesische Flüchtlinge in West-, Mittel-und Nordeuropa seit den 1970er Jahren.” In Enzyklopädie Migration in Europa, 1072-1076. Brill Schöningh, 2007, 1072.

[9] Für eine Übersicht und aktuelle Informationen zum Projekt siehe: Universität Heidelberg. „(All-)Einwanderung: Politische Normierung und kindliche Aneignung von Integration am Beispiel minderjähriger „Boatpeople“ ohne Eltern in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre“. https://www.hist.uni-heidelberg.de/de/seminar-bibliothek/struktur/professuren/wirtschafts-und-sozialgeschichte/forschung/all-einwanderung-politische-normierung-und-kindliche-aneignung-von-integration-am-beispiel. 

[10] Bild entnommen von: https://picryl.com/media/vietnamese-bootvluchtelingen-in-harlingen-accb61.


 

Carina Mönkemeyer schloss im April 2026 ihr Studium in Transcultural Studies (M.A.) ab. Seit Juni 2026 ist sie als Doktorandin am Historischen Seminar der Universität Heidelberg im Projekt „(All)Einwanderung: Politische Normierung und kindliche Aneignung von Integration am Beispiel minderjähriger ,Boatpeople‘ ohne Eltern in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre“ tätig. Ihre Forschungsinteressen umfassen gesellschaftliche und politische Prozesse der Integration, transkulturelle Verflechtungen sowie die Wahrnehmung und Darstellung von Migration in Medien und Öffentlichkeit. Dabei verbindet sie geschichtswissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Perspektiven in einem interdisziplinären Forschungsansatz. 

 

 

 

Mika Rück schloss im September 2025 sein Studium in Geschichte (M.A.) ab. Seit Mai 2025 promoviert er am Historischen Seminar der Universität Heidelberg im Projekt „(All)Einwanderung: Politische Normierung und kindliche Aneignung von Integration am Beispiel minderjähriger ,Boatpeople‘ ohne Eltern in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre“. In seiner bisherigen Forschung beschäftigte er sich vor allem mit Mediengeschichte und Wissensvermittlung. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Verwendung digitaler Arbeitsweisen in der Geschichtswissenschaft. 

 

 

 

Dr. Joey Rauschenberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Heidelberg und ist Projektleiter für das Forschungsprojekt „(All)Einwanderung: Politische Normierung und kindliche Aneignung von Integration am Beispiel minderjähriger ,Boatpeople‘ ohne Eltern in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre“. Zuvor wurde er in Heidelberg mit einer Arbeit über die Entschädigung von NS-Unrecht für Sinti und Roma promoviert, die 2026 in der Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erscheint. Weitere Veröffentlichungen behandeln den Nationalsozialismus, Antiziganismus und die Geschichte der Kindheit.  


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
WhoCares-Blog (6. September 2026). Unbegleitete minderjährige „Boatpeople“ zwischen Flucht, Fürsorge und Integration: Eine Projektvorstellung. Who Cares? Abgerufen am 12. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16qcl


Das könnte dich auch interessieren …

Eine Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.