Wer sorgt für Familien? Seelsorge zwischen Fürsorgegemeinschaft, Kirche und Gesellschaft
Autorin: Viktoria Dinkelaker
Seelsorge ist ein wichtiger Baustein kirchlichen und gemeindlichen Handelns [1]. Das ist soweit in der theologischen Forschung unumstritten. Empirisch belegbar ist auch: Seelsorge ist wirksam, ein herausragender kirchlicher Imageträger – und sie wird von Pfarrpersonen als besonders sinnstiftender Teil ihres Berufes erlebt, als eine Aufgabe, bei deren Ausübung sie sich ihrem eigentlichen Auftrag sehr nahe sehen [2]. Angesichts der vielen Herausforderungen, welche Familien im Alltag und besonders in bestimmten Umbruchphasen zu bewältigen haben, scheint darüber hinaus klar zu sein: Seelsorge wird gebraucht, auch und gerade von Familien. Davon ausgehend habe ich in meiner Abschlussarbeit mögliche Wege eines familienorientierten seelsorglichen Handelns untersucht: Wie könnte eine „Sorge für die Seele“ aussehen, die gezielt Familien in den Blick nimmt? Wie kann Kirche und insbesondere die Seelsorge den Wandel von Normen, von Rollen- und Geschlechterbildern, die vielfältigen Formen von Fürsorgebeziehungen innerhalb von Familien unterstützen?

Auf einer theoretischen Ebene werden diese Fragen schnell komplizierter als sie auf den ersten Blick aussehen mögen. Denn in der Seelsorgetheorie war es lange üblich, Seelsorge als Handeln zu verstehen, das sich erstens auf ein Individuum richtet und das sich zweitens als Gespräch ereignet [3]. Beides scheint nur teilweise zielführend, wenn Familien in den Blick kommen sollen. Erste Impulse, die über die reine Fokussierung auf das Individuum hinausgingen, kamen von der Systemischen Seelsorge. Es sind familientherapeutische Ansätze, die von der Seelsorgebewegung rezipiert wurden, über die das systemische Denken Einzug in die Seelsorgelehre hielt [4]. Zwei Impulse der systemischen Seelsorge scheinen mir wichtig für eine an Familien orientierte Seelsorge: Der erste Impuls ist die Ressourcenorientierung – also die Überzeugung, dass Familien grundsätzlich selbst alle Kompetenzen und Ressourcen besitzen, die sie brauchen, um anstehende Herausforderungen zu meistern. Daraus folgt: In der Seelsorge wird Familie als Sorgegemeinschaft verstanden und als eine solche gewürdigt. Nicht die Defizite und Schwierigkeiten in einer Familie, sondern ihre Stärken sind zuallererst im Blick. Der zweite Impuls ist ein spezifischer Blick auf den Menschen. Dieser wird verstanden als immer schon in sozialen Beziehungen stehend und durch diese geprägt. Es gibt keine Individualität ohne Sozialität, keine Identität ohne Interaktion! Daraus folgt, dass auch in konkreten Seelsorgebegegnungen Seelsorgende einen anderen Blick einnehmen: Nicht nur die Interaktion mit einer Einzelperson steht im Zentrum, sondern die gesamten komplexen sozialen Verstrebungen im Nahbereich und im erweiterten gesellschaftlichen Umfeld werden berücksichtigt [5]. Denn: Das Problem (und auch entscheidende Lösungsstrategien) können manchmal ganz woanders im System liegen, als es den Anschein hat! Ich meine, wo das Ziel einer seelsorglichen Begegnung nicht (nur) die Selbstfindung einer Einzelperson, sondern (auch) die Stärkung der Fürsorgebeziehungen untereinander ist, hat sich schon etwas elementar verändert und geschieht nicht nur etwas für Einzelne, sondern für und mit Familien. Wer also sorgt sich um Familien? Derjenige, der – sei es als Teil des Familiensystems oder als unterstützende seelsorgende Person von außen – den Blick weitet und das gesamte soziale Gefüge im Blick hat. Immer wieder begegnete mir noch eine zweite Antwort auf diese Frage. Um Familien sorgt sich derjenige, der politisch-gesellschaftlich aktiv wird und sich für familienfreundlichere Lebensbedingungen vor Ort einsetzt. In der Seelsorgetheorie wird dies auch die prophetische Dimension von Seelsorge genannt [6]. Sie lässt sich m. E. nicht ausklammern, wenn Seelsorge angemessen für Familien zur Verfügung stehen möchte.

So viel zur Theorie. Doch wie kann die konkrete Praxis einer Seelsorge mit Familien genauer erforscht werden? Aus empirischen Studien lassen sich zur Seelsorge mit und für Familien bisher nur implizit Erkenntnisse ableiten. Einige davon sind dennoch in der weiteren Forschung immens wichtig zu berücksichtigen: 1.) Immer wieder fällt auf, dass in der Praxis diakonisches Handeln und Seelsorge gar nicht so leicht auseinander zu halten sind. So sollten Angebote, um für Familien hilfreich zu sein, zugleich armutssensibel gestaltet sein – und Gemeinschaft fördern [7]. Hier entstehen möglicherweise bisher unentdeckte Kooperationsmöglichkeiten – und zugleich Notwendigkeiten zur empirischen Nachschärfung: Wo liegen Interaktionen vor, die relevante seelsorgliche Wirkung entfalten, wenn sie auch nicht in das herkömmliche Bild von Seelsorge passen? Wo sollte nicht mehr von Seelsorge gesprochen werden, um den Begriff nicht völlig zu entgrenzen? 2.) Angebote für Familien sollten den veränderten Lebensrealitäten von Familien entsprechen. In Gemeinden, in denen Familienarbeit gut gelingt, sind nicht nur für die klassische Kleinfamilie oder Mütter mit (kleinen) Kindern Angebote vorhanden. Auch für Regenbogenfamilien, Alleinerziehende, Väter mit ihren Kindern oder Großeltern und Enkel werden einladende Angebote geschaffen, Niedrigschwelligkeit und eine sog. Gehstruktur können außerdem hilfreich sein, um mit Familien in Kontakt zu kommen [8]. Empirisch zu klären wäre: Wie gut erreicht Seelsorge bereits vielfältige Familienformen? Und welche Angebotsformate innerhalb der Familienarbeit ermöglichen welche Arten seelsorglicher Interaktionen? Welche verunmöglichen sie vielleicht? 3.) Schließlich ist die Sozialraumorientierung zu nennen. Diese ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Teil kirchlicher Arbeit geworden. Gemeint ist damit, dass Kirchengemeinden nicht nur für die eigenen Mitglieder und deren religiöse Belange Sorge tragen, sondern gemeinsam mit anderen Akteuren im Stadtteil Verantwortung für das soziale Miteinander im Quartier übernehmen [9]. Auch bei der Arbeit für und mit Familien scheint es in der Zukunft wichtig, mit anderen Einrichtungen zu kooperieren und im Sozialraum präsent zu sein. Spannend zu beobachten bleibt, unter welchen Voraussetzungen und auf welche Art sich Seelsorge bei den so entstehenden Angeboten ereignet.
[1] So sehen es z. B. die Befragten der Studie „Wie Seelsorge wirkt“, die von der EKD in Auftrag gegeben wurde: „Die Adressatinnen und Adressaten bewerteten zu 90% im Vergleich zu anderen kirchlichen Handlungsfeldern ein Seelsorgeangebot als wichtig oder besonders wichtig.“ Evangelische Kirche in Deutschland: Unerwartet heilsam – wie Seelsorge wirkt. Innovationskraft seelsorglicher Angebote, verfügbar unter: unerwartet heilsam – wie Seelsorge wirkt. Innovationskraft seelsorgerlicher Angebote. Eine Handreichung der Ständigen Konferenz für Seelsorge in der EKD (zuletzt geprüft: 4.3.2026), 18.
[2] Vgl. Evangelische Kirche in Deutschland: Unerwartet heilsam – wie Seelsorge wirkt, 21f.
[3] Vgl. Nauer, Doris: Seelsorge. Sorge um die Seele, Stuttgart 32014, 85f.
[4] Vgl. Morgenthaler, Christoph: Systeme als Bezugsrahmen der Seelsorge, in: Engemann, Wilfried (Hrsg.), Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, Leipzig 32016, 373–390, hier: 373–375.
[5] Vgl. Morgenthaler, Christoph: Systemische Seelsorge. Impulse der Familien- und Systemtherapie für die kirchliche Praxis, Stuttgart 62019, 10f.
[6] Vgl. Klessmann, Michael: Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens, Göttingen 62022, 106–108.
[7] Vgl. Possinger, Johanna et al.: Familien gefragt. Impulse für eine familienorientierte Kirche, Göttingen 2023, 184, 186. Zum Verhältnis von Seelsorge und Diakonie sowie dem Phänomen der „Unsichtbarkeit“ von Seelsorge vgl. auch Haußmann, Annette: Seelsorge – auch im Ehrenamt!, in: Dahlgrün, Corinna (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer seelsorglichen Kirche? Wissenschaftliche Auswertung der bischöflichen Seelsorgevisitation in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) 2020–2024, Linz 2024, 196–218, hier: 199f.
[8] Vgl. Possinger et al.: Familien gefragt, 122–124.
[9] Vgl. Eurich, Johannes; Lämmlin, Georg; Wegner, Gerhard: Einleitung, in: Dies. (Hrsg), Gott im Quartier. Sozialraumorientierung und Spiritualität, Baden-Baden 2024, 11–26, hier: 11f.
Viktoria Dinkelaker schloss im Januar 2026 ihr Studium der Evangelischen Theologie (Mag. Theol.) ab. Sie promoviert seit März 2026 bei Prof. Dr. Annette Haußmann und ist als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorgelehre (Poimenik) an der Universität Heidelberg tätig. Ihr Forschungsinteresse liegt im Bereich Seelsorge für und mit Familien sowie Seelsorge und Sozialraumarbeit.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
WhoCares-Blog (3. August 2026). Wer sorgt für Familien? Seelsorge zwischen Fürsorgegemeinschaft, Kirche und Gesellschaft. Who Cares? Abgerufen am 12. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16nh5



