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Gelebte Geborgenheit – Wie großmütterliche Care-Arbeit Heimat schuf

Autorin: Ela Rensch

Heimat beginnt oft nicht mit einem Ort, sondern mit einem Gefühl: dem Wissen, bei einem Menschen absolut sicher zu sein, einem vertrauten Geruch oder mit körperlicher Nähe und Intimität. Ein solches Heimatgefühl kann dort entstehen, wo emotionale Sicherheit durch verlässliche Bezugspersonen vermittelt wird. Insbesondere in der hier betrachteten Quelle zeigt sich, dass Heimat eng mit großmütterlicher Sorge verknüpft sein kann. Diese Sorge vollzieht sich meist im Stillen – im Dasein, im regelmäßigen Sitzen auf dem Schoß, in der Wiederholung kleiner Rituale und in einer unerschütterlichen Geduld. Ein eindrückliches Beispiel hierfür liefern die Erinnerungen von Marlise vom Hof an ihre Kindheit im rheinhessischen Horchheim der 1950er Jahre. Ihr retrospektiver Text „Pure Geborgenheit“ [1] ist eine intensive Rückschau auf ihre Großmutter Elise Selig, deren Präsenz das Fundament für ein tiefes Heimatgefühl legte. Das beigefügte Porträt von Elise Selig visualisiert jene Großmutterfigur, die die Autorin als zentralen Anker von Geborgenheit beschreibt.

Abb. 1: Privataufnahmen aus den 1950er Jahren [2]

Um zu verstehen, wie Kinder Geborgenheit und ein Gefühl von Heimat finden, hilft ein Blick in die Theorie: „Heimat“ ist psychologisch gesehen nicht als fester, unveränderlicher Ort, sondern als Ergebnis eines aktiven und dynamischen Prozesses der Beheimatung zu verstehen. Dieser Prozess vollzieht sich stets individuell und umfasst die bewusste Aneignung von Heimat durch aktives Sich-Einleben und das Knüpfen von Bindungen an eine Umgebung. Das Resultat dieses Prozesses ist das Heimatgefühl – eine subjektive, emotionale Konstruktion, die laut der Psychologin Beate Mitzscherlich vor allem durch Verlässlichkeit, Kontinuität und Bindung entsteht [3].

Bei Marlise vom Hof wird deutlich, dass dieses Gefühl untrennbar mit der Zuwendung der Großmutter verknüpft war. Die äußeren Umstände waren von Umbrüchen geprägt: Noch vor der Geburt der Autorin war die Familie nach Horchheim geflohen, nachdem ihr vorheriges Zuhause ausgebombt wurde. Während der Vater in der familieneigenen Sauerkrautfabrik „oft bis zu zwölf Stunden am Tag“ (Vom Hof, S. 134) arbeitete und die Mutter im Haushalt eingebunden war, bot die Großmutter die emotionale Nähe an, für die im Arbeitsalltag der Eltern Zeit und Raum fehlte. Vor diesem Hintergrund fungierten Großeltern durch ihre Care Arbeit oftmals als wichtige Stütze für Familien. Sie traten als wichtige Betreuungs- und Erziehungspersonen auf, die den Eltern den Fokus auf den ökonomischen Wiederaufbau ermöglichten [4]. Folglich beleuchtet die Quelle den Wandel in der Funktion der Großeltern, welcher sich zunehmend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzog. Nachkriegszeit und Wiederaufbau führten zu spezifischen Familieninteraktionen, in die Großeltern stark eingebunden waren und wichtige Funktionen übernahmen [5].

Vom Hof beschreibt ein „überaus behütetes Kleinkind-Leben“ (Vom Hof, S. 136), das seine Sicherheit aus der ständigen Verfügbarkeit der Großmutter zog. Deren räumliche Nähe im Zweifamilienhaushalt ermöglichte dem Kind „unten wie oben, behütet, bemuttert, von allen Seiten“ (Vom Hof, S. 136) aufzuwachsen und bot einen erweiterten Schutzraum, in dem Beheimatung durch eine permanente Erreichbarkeit der Bezugsperson garantiert war. Ihre stete Präsenz ermöglichte zudem eine Form der Sorge, die durch eine „nie versiegende Geduld“ (Vom Hof, S. 137) sowie eine liebevolle und nachgiebige Umgangsweise geprägt war. Dabei agierte die Großmutter nicht bloß als passive Aufsichts-, sondern als aktive Erziehungsperson, deren Einfluss retrospektiv als prägend wahrgenommen wird. Die Großmutter wird in der Rückschau als personifizierte Güte idealisiert. Die Beziehung zwischen Enkelkind und Großmutter konstituiert sich als freigestaltbarer Raum, der nicht über Strenge, sondern über geduldiges Erklären und „lange wichtige Gespräche“ (Vom Hof, S. 138) stattfand. Wenn die Autorin schildert, wie sie auf dem Schoß der Großmutter saß oder an ihrer Hand ging, wird Care als physische Erfahrung greifbar und Beheimatung untrennbar mit physischer Zuwendung verbunden. Besonders anschaulich wird diese Nähe auf einer Fotografie, die Marlise vom Hof gemeinsam mit ihrer Großmutter zeigt.

Abb. 2: Marlise vom Hof gemeinsam mit ihrer Großmutter Elise Selig in Horchheim bei Worms [6]

Die körperliche Zuwendung durch die Umarmung und das selbstverständliche Beieinander verdichten sich hier zu einem visuellen Abbild jener Sorgebeziehung zwischen Enkelin und Großmutter, in welcher das Heimatgefühl als ein Ort von innerer Sicherheit, Wärme und Intimität entstand. Diese Bindung führt bei der Autorin zu der existenziellen Empfindung „unendlich geborgen und auf der Welt willkommen“ (Vom Hof, S. 138) zu sein. Ein zentraler entscheidender Faktor für die Intensität dieser intergenerationalen Beziehung war zudem Marlise vom Hofs besondere Stellung innerhalb der Familiendynamik. Als Nachzüglerin, die erst 1950 geboren wurde, war sie das letzte Enkelkind einer bereits betagten Großmutter. Das Enkelkind fand zwar seinen Platz in einer großen, familialen Struktur, erinnert aber gleichzeitig eine exklusive emotionale Sonderstellung bei der Großmutter. Sie betont, dass die Großmutter bis zu ihrem Tod der ihr „nahestehende Mensch“ (Vom Hof, S. 140) war und ist sich sicher, „ihr Ein und Alles“ (Vom Hof, S. 140) gewesen zu sein.

Bei der Analyse dieses retrospektiven Egodokuments müssen jedoch die spezifischen Konstruktmechanismen der Erinnerung berücksichtigt werden. Die Quelle ist nicht als objektives Abbild der Nachkriegsrealität zu lesen, sondern unterliegt einer massiven nostalgischen Reduktion. Dieser Mechanismus ist eng an den Entstehungskontext gebunden. Das Publikationsmedium des Zeitgut-Verlags sucht gezielt nach subjektiven und emotionalen Erinnerungen, die das Idealbild einer behüteten Kindheit bedienen [7]. In der Rückschau werden Brüche und Belastungen zugunsten einer harmonischen Erzählung geglättet. Die reale Erschöpfung einer 80-jährigen Frau, die acht Kinder großzog, Kriege durchlitt und in einem lauten mehrgenerationenhaushalt lebte, wird zugunsten der „nie versiegende[n] Geduld“ (Vom Hof, S. 137) fast vollständig ausgeblendet. Die Auslassung wird besonders dort sichtbar, wo Brüche nur kurz aufblitzen, aber sofort geglättet werden. Wenn Vom Hof schreibt, dass mit den Enkeln „auch nicht immer alles glatt“ (Vom Hof, S. 140) ging, führt sie dies aber nicht aus. Diese nostalgische Reduktion ist notwendig, um das Konstrukt der „[p]ure[n] Geborgenheit“ (Vom Hof, S. 133) aufrechtzuerhalten. Die Quelle zeigt uns somit weniger die historische Realität der großmütterlichen Sorgearbeit, sondern vielmehr, wie die Erfahrung von Beheimatung im Rückblick als idealisierter Ankerraum konstruiert wird, um Identität und Kontinuität zu stiften.

Obwohl die Erzählung von Marlise vom Hof die objektiven Alltagsabläufe der Nachkriegszeit und die historische Sorgebeziehung objektiv rekonstruiert, macht sie die „innere Erlebniswelt“ eines Enkelkindes in der Nachkriegszeit deutlich. Die Quelle zeigt eindrücklich, dass Beheimatung vor allem in Zeiten existenzieller Unsicherheit weniger an Orte als an Personen gebunden war. Die Idealisierung der großmütterlichen Sorge dient der Konstruktion eines stabilen Herkunftsnarrativs und ist somit ein Mechanismus der Identitätsstiftung. Damit leistet die Quelle einen wichtigen Beitrag zur Mentalitätengeschichte. Sie macht sichtbar, wie die emotionale und pädagogische Care-Arbeit der Großmuttergeneration nicht nur das Funktionieren der Familie sicherte, sondern für die nachfolgende Generation zum lebenslangen Ankerpunkt für ihr Heimatgefühl wurde.


[1] Vom Hof, Marlise: Pure Geborgenheit, in: Mein zweites Zuhause bei Oma und Opa. Zeitzeugen erinnern sich an ihre Großeltern 1890–2018 (Geborgen bei Oma und Opa, Bd. 3), hrsg. v. Jürgen Kleindienst/ Ingrid Hantke Berlin 2018, S. 133–140.

[2] Abbildung 1: Vom Hof, Pure Geborgenheit, S. 137.

[3] Vgl. Mitzscherlich, Beate: Psychologische Dimension eines umstrittenen Begriffs, in: Kultur. Macht Heimaten. Heimat als kulturpolitische Herausforderung(Jahrbuch für Kulturpolitik 2029/20, Bd. 17), hrsg. v. Norbert SIEVERS u. a., Bielefeld 2020, S. 78f.

[4] Vgl. Fuhrich, Gina: Das Zweite Zuhause. Großelternschaft und die Sorge für Enkelkinder, in: Geschichte der Kindheit im geteilten Deutschland, hrsg. v.: Gina Fuhrich / Katja Patzel-Mattern/ Max Gawlich, Göttingen 2024, S. 82.

[5] Vgl. Ecarius, Jutta: Familienerziehung im historischen Wandel. Eine qualitative Studie über Erziehung und Erziehungserfahrungen von drei Generationen, Opladen 2002, S. 205

[6] Abbildung 2: Vom Hof, Pure Geborgenheit, S. 138.

[7] Zeitgut Verlag, online: https://www.zeitgut.com/wContent/Startseite/ [24.2.2026].

Weiterführende Literatur

Buchner-Fuhs, Jutta/Fuhs, Burkhard: Familie und Heimat, in: Handbuch Familie. Band I: Gesellschaft, Familienbeziehungen und differentielle Felder, hrsg. v. Jutta Ecarius/Anja Schierbaum, Wiesbaden 22022, S. 759–776.

Mitzscherlich, Beate: Heimat ist etwas, was ich mache. Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozeß von Beheimatung (Münchner Studien zur Kultur- und Sozialpsychologie, Bd. 9), Herbolzheim ²2000.

Warchold, Katja: Erschriebene Kindheit. Erinnerung an Kindheit und Jugend in der DDR in Autobiographien der Nachwendezeit (Epistimata. Würzburger wissenschaftliche Schriften, Bd. 846), Würzburg 2016.

Wilk, Lieselotte: Großeltern und Enkelkinder, in: Generationenbeziehungen in >>postmodernen<< Gesellschaften. Analyse zum Verhältnis von Individuum, Familie, Staat und Gesellschaft, hrsg. v. Kurt Lüscher/ Franz Schultheis, Konstanz 1993, S. 203–214.


Ela Rensch studiert an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg im Master of Education die Fächer Latein und Geschichte. Im Rahmen ihres Geschichtsstudiums interessieren sie insbesondere kultur- und alltagsgeschichtliche Fragestellungen sowie die Arbeit mit Egodokumente. Die Auseinandersetzung mit Großelternschaft und intergenerationaler Care-Arbeit hat sie seitdem intensiv beschäftigt – und nachhaltig fasziniert.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
WhoCares-Blog (29. Juni 2026). Gelebte Geborgenheit – Wie großmütterliche Care-Arbeit Heimat schuf. Who Cares? Abgerufen am 14. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16ha1


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